Mein Vater ist heute kurz vor 18 Uhr von uns gegangen. Nach fast drei Wochen Koma hat sein Herz aufgehört zu schlagen. Ich danke den fleißigen Ärzten und Pflegern auf der Intensivstation für die gute Betreuung. Und ich danke allen, die hier die tollen Kommentare geschrieben haben.
Altenheim - 12. Feb, 22:34
Hiermit schließe ich das Weblog, denn seit einigen Tagen hat es seinen ursprünglichen Zweck erfüllt. Den weiteren Genesungsprozess meines Vaters werde ich nicht mehr öffentlich dokumentieren, ich bedanke mich aber sehr herzlich für das Interesse und die Anteilnahme.
Als ich das Weblog begann, war es ein Tagebuch der Unfassbarkeiten, die ich im Altenheim meines Vaters erleben musste. Mit meinen Notizen wollte ich Freunde informieren und schließlich die Heimleitung konfrontieren. Die Situation in unseren Altenheimen ist jedoch über einzelne lokale Missstände hinaus eine gesellschaftspolitische Angelegenheit. Auf der Website des Bundesgesundheits-ministeriums lese ich unter der Kapitelüberschrift „Pflegeheim für Demenzkranke“ die Rundum-Aussage: „Eine umfassende Versorgung und Betreuung ist ge-währleistet.“ Doch wer die Realität kennt, kann eine solche Behauptung nur als zynisch empfinden. Personalmangel ist kein Unwetter, gegen das wir machtlos sind, Personalmangel ist politisch verursacht. Alte Menschen haben keine Industrielobby, die in den Parteizentralen aus- und eingeht. Die Situation der Altenpflege wird sich nicht von selbst zum Besseren wenden. Ich bin sehr zornig.
Altenheim - 1. Feb, 20:54
Keine Veränderung gegenüber gestern Abend. Mein Vater atmet selbstständig, aber erhält weiterhin Unterstützung durch den Automaten. Nachts soll er wieder komplett ins Komareich geschickt werden. Ich lerne langsam die Bildschirmsprache des Automaten zu verstehen: 11,3 Liter, sagt der Automatenbildschirm, atme mein Vater pro Minute. Das sei recht viel, erläutert mir ein Pfleger. Das Blut meines Vaters wird also gut mit Sauerstoff versorgt. Das ist bestimmt wichtig für die Heilung der entzündeten Lungenflügel. Die Bronchien und die Lunge waren sein ganzes Leben lang seine Schwachstelle. Als ich zwölf Jahre alt gewesen bin, war er wegen seiner Atemwege für mehrere Wochen auf der Nordseeinsel Borkum zur Kur. Meine Mutter und ich sind ihm für zwei Wochen nachgereist. Er schlief in der Kurklinik und ich schlief mit meiner Mutter in einem winzigen Zimmer ohne fließendes Wasser. Das Zimmerchen hatte uns eine Frau vermietet, die im Kino als Kartenabreißerin arbeitete. Ein Beruf, um den ich die Frau damals sehr beneidet habe. Es waren zwei sehr schöne Wochen für mich, und ich glaube, das lag auch daran, weil ich damals spürte, dass sich meine Eltern sogar etwas lieb gehabt haben.
Plötzlich fährt ein dreifaches Ruckeln lautlos, aber vehement durch den Oberköper meines Vaters. „Er hustet“, sagt mir der Pfleger, und ich lerne wieder ein bisschen mehr die Welt kennen, in der mein Vater jetzt lebt: Husten ohne Geräusch. Aber ich sehe in seinem Gesicht, dass es ihn sehr anstrengt. Morgen ist sein 84. Geburtstag.
Altenheim - 30. Jan, 23:47
Noch immer liegt mein Vater umgeben von grünen Infusionsautomaten, Kabeln, Schläuchen und Monitoren im künstlichen Koma, aber er wird nun ganz langsam geweckt. Ein unschöner Plastiktentakel wuchert weiterhin aus seinem Mund, doch mein Vater atmet von selbst. Sein Unterkiefer geht im Atemrhythmus auf und nieder. Selbst zu atmen sei recht anstrengend für ihn, erklärt man mir, daher werde er in der Nacht wieder stärker sediert. Doch der Anfang vom Ende des künstlichen Komas hat nun begonnen. Morgen rechne ich damit, dass er die Augen öffnet, und ich bin gespannt, wie lang es dauert, bis er mich erkennt, der Gute.
Altenheim - 29. Jan, 23:51
Neun Schläuche und drei Kabel zähle ich an meinem Vater. Die Kabel messen seinen Puls und den Herzschlag. Die Schläuche geben ihm Luft, Nahrung und Medikamente. Ein Schlauch leitet seinen Urin in einen Beutel.
Mein Vater schläft nun den zweiten Tag auf der Intensivstation und muss weiterhin im künstlichen Koma gehalten werden. Die Ärzte können mir nichts Neues erzählen, wir müssen Geduld haben. Die Antibiotika liefern sich ein Scharmützel nach dem anderen mit der Lungenentzündung und ihrem Eiter. Mein Vater ist ein harter Bursche, er wird das alles überstehen. Hoffe ich.
Ich habe einen Reiseführer von 1961 dabei. Kapitelüberschrift: „Was es in London nicht gibt“. Ich lese laut und deutlich vor: „Angst vor schwarzen Katzen. Sie kündigen hier nicht Unglück, sondern Freude an.“ Mein Vater zuckt mit den Augenlidern, kein Wunder, hat er doch daheim gemeinsam mit meiner Mutter immer wieder wilde Katzen handzahm gemacht und sie so gern gestreichelt. Am Samstag hat mein Vater Geburtstag, dann wird er 84 Jahre alt. Ob ich ihm zu diesem Tag eine Katze mitbringen darf, die ihn beschnurrt?
Altenheim - 28. Jan, 23:46
„Gruselig. Der pure Eiter.“ habe der Oberarztes ausgerufen, als er heute früh die Lunge meines Vater spiegelte. Das berichtet mir der diensthabende Arzt, und er berichtet mir noch mehr.
Mein Vater liegt jetzt auf der Intensivstation des städtischen Krankenhauses. Hier hat man ihn in ein künstliches Koma versetzt. Hilfreiche Maschinen geben ihm die Atemluft, die sich sein Körper nicht mehr selbst holen kann. Kabel und Schläuche stecken in seinem Gesicht und seinem Hals, und er schläft mit einem etwas besorgten Gesichtsausdruck. Ich bin schon ein paar Stunden hier und schreibe diesen Text an seinem Bett. Natürlich lese ich ihn meinem Vater vor. Macht doch nichts, dass er ihn im Moment nicht so richtig hören kann.
Als die Notärztin heute früh ins Altenheim gerufen wurde, war der arme alte Mann dabei zu sterben. Nun sei sein Organismus aber wieder stabil, erfahre ich, und erste kleine Erfolge hätten sich eingestellt. Einen Blutsauerstoffgehalt von 38% hatte die Notärztin gemessen (90% ist normal), Ursache: ein Lungenflügel war voll mit Eiter, der andere funktionierte nur noch zu einem Drittel. Mein Vater hatte also eine furchtbare Lungenentzündung. „Eine Fachkraft“, betont der Arzt mit Blick auf das Altenheim, „hätte sehen müssen, was mit Ihrem Vater los war. Sowas entwickelt sich über Tage. Da gibt es Symptome, die eindeutig sind.“ Hinzu komme, dass er „extrem ausgetrocknet“ gewesen sei, was die Erkrankung begünstigt habe, denn Flüssigkeitsmangel schwäche die Immunabwehr erheblich. Ich berichte ihm von meinen Erlebnissen mit der personellen Versorgung im Altenheim und er sagt dann nichts mehr.
Altenheim - 27. Jan, 21:08
F. trifft zur Abendbrotzeit ein. Mein Vater liegt bei Dämmerlicht im Bett, er schläft. F. kann ihn leicht wecken und stellt gegenüber gestern eine deutliche Verbesserung fest. Meinem Vater geht es immer noch nicht völlig gut, aber er antwortet, wenn auch mit Mühe, so doch sachgemäß auf alle Fragen. Auch äußert er sich zufrieden, dass F. bei ihm ist. Während des ganzen Besuchs bleibt mein Vater im Bett.
Zum Abendbrot gibt es Tomatensuppe, die F. meinem Vater füttert. Das dauert seine Zeit, wohl eine halbe Stunde, und wir fragen uns, ob das Personal diese Zeit hätte aufbringen können. Über die Bauchhaut wird meinem Vater per Sonde eine Infusion zugeführt. Die hatte der Arzt angeordnet, weil mein Vater nicht genug Flüssigkeit bekommen hatte. Mein Vater sagt, dass er Durst habe, und F. gibt ihm zu trinken. In kleinen Schucken nimmt er 200 ml Wasser zu sich.
F. sieht einen Notknopf über dem Bett hängen, damit kann man das Personal rufen. Er ist nicht eingestöpselt.
Altenheim - 26. Jan, 20:53
Der Arzt ruft mich an, er hat meinen Vater untersucht und festgestellt, dass er zu wenig getrunken hat. Daher hat der Arzt jetzt eine Infusion angeordnet. Morgen werde er weitersehen. Wir fragen uns: Der Bewohner eines Pflegeheims trinkt so wenig, dass der Arzt eingreifen muss - ist das in Ordnung?
Ich rufe erneut den Pflegedienstleiter an, um ihn über die Diagnose und die Infusion zu informieren. Ich stelle fest, dass er meinen ersten Anruf offenbar sehr ernst genommen hat und schon tätig geworden ist. Er spielt unsere geschilderten Erlebnisse nicht runter, sondern betont seinen Handlungsbedarf. Er sei auch schon bei meinem Vater gewesen und habe selbst darauf gedrungen, dass der Arzt ihn aufsuche.
Nach einer Woche Heimkontakt habe ich zum ersten Mal das Gefühl, dass da nicht eine indifferente Gruppe von ständig wechselnden netten Menschen ist, die irgendwie, aber nicht genau definierbar, zuständig ist und vor allem meistens weg ist, sondern es gibt eine konkrete Person, die meinen Vater kennt und sich zuständig fühlt und mir umfassende Auskünfte geben kann. Am Donnerstag werden wir uns im Heim zusammensetzen und über alle Details sprechen.
Altenheim - 26. Jan, 12:35
Anruf bei der Heimleitung: Die Leiterin ist leider seit einem Jahr krankheitsbedingt nicht im Hause, aber der Pflegedienstleiter ist für Ihre Aufgaben zuständig. Ich schildere ihm einige wenige Stichworte zu dem, was wir in der ersten Woche erlebt haben. Dass ein Zivi allein im Wohnbereich ist,
„das soll nicht sein“, sagt er mir,
„das ist nicht geplant“. Auch dass eine Präsenzkraft allein anwesend sei,
„das ist nicht in Ordnung“. Damit er alle unsere Erlebnisse nachlesen kann, teile ich ihm mit, dass ich sie anonymisiert ins Netz gestellt habe. Das löst eine verständliche Abwehr bei ihm aus: Er sei nicht gewohnt, dass sich Angehörige auf diese Weise beschwerten; dann müsse ich mich an den Träger des Hauses wenden (Anm.: Es handelt sich um einen Träger der freien Wohlfahrtspflege). Glücklicherweise kann ich ihm aber wohl glaubhaft machen, dass es mir nicht um einen Kampf gegen das Haus geht, sondern um die Klärung der Verhältnisse. Allerdings, betone ich, hielte ich die Angelegenheit auch für eine gesellschaftspolitische Frage, daher liege mir daran, auch die Öffentlichkeit zu informieren. Aber so lang er sich noch nicht dazu äußern konnte, werde ich natürlich weiterhin nur anonymisierte Berichte veröffentlichen. Der Rat von Freunden, füge ich hinzu, mich sofort an die Heimaufsicht zu wenden, scheine mir übereilt, ich wolle lieber erst seine Stellungnahme abwarten. Wir vereinbaren, dass er meinen Schilderungen nachgeht und wir uns dann am kommenden Donnerstag zu einem Gespräch treffen.
Als ich erwähne, dass ich mir in seinem Haus den
Norovirus eingefangen habe, unterbricht er mich mit der Aussage, dass es in seinem Haus keinen Fall von Norovirusinfektion gebe. Sowas sei ja meldepflichtig.
Ich betone mehrfach, dass uns das Personal insgesamt als stets sehr nett und engagiert erschienen ist. Wenn ich aber eine grundsätzliche Frage hatte (z.B.: Wann sieht sich ein Arzt meinen Vater an?), dann konnten sie gewöhnlich von niemandem direkt beantwortet werden. Jeden Tag andere Leute, da kann ja keiner alles wissen. Hier vermute ich also ein Strukturproblem.
Altenheim - 26. Jan, 11:18
Die Abendbrotzeit ist gerade zu Ende als I. eintrifft, und der junge Mann vom Freiwilligen Sozialen Jahr ist in der Wohnküche beschäftigt. Mein Vater ist nicht in der Küche, sondern liegt schon im Bett. Er sei so müde gewesen, dass man ihn jetzt schon hingelegt habe. I. sieht nach einiger Zeit eine Pflegerin aus einem der Zimmer kommen und übergibt ihr eine schriftliche Mitteilung von mir, die ich für den Arztbesuch geschrieben habe, der mir für morgen angekündigt worden war, sie lautet: "Wir sind erschrocken, wie stark mein Vater körperlich abgebaut hat, seit er vor einer Woche im Heim angekommen ist. Der Verfall hat täglich zugenommen. Während er anfangs noch Zeitung gelesen und sich gern mit dem Besuch unterhalten hat, sitzt er inzwischen teilnahmslos in seinem Rollstuhl und schläft fast nur." Die Pflegerin bestätigt den Eindruck und sagt, dass auch sie einen Arztbesuch für notwendig halte, wusste aber nicht, dass eh einer für morgen vorgesehen war.
Herr B. ist Tisch- und Zimmernachbar meines Vaters. Heute während des Abendbrots hat Herr B. erbrochen - das Norovirus hat ihn sich also geschnappt.
Altenheim - 25. Jan, 22:01
I. trifft meinen Vater schlafend in der Wohnküche an. Auch viele anderen Bewohner sind anwesend. Nur kein Personal. I. ist erschrocken, wie mein Vater bekleidet ist: Er trägt eine sehr verschmutzte Jogginghose sowie das Schlafanzugoberteil mit einer Strickjacke. Nach 10 Minuten erscheint eine Pflegehelferin. Sie bringt eine weitere Bewohnerin und verschwindet dann wieder. Eine Küchenkraft schiebt den Wagen mit dem Mittagessen auf den Flur und ruft "Mittagessen!" Kurz darauf erscheint eine Pflegehelferin und deckt die Tische. Später kommt eine zweite Pflegehelferin hinzu und animiert einige Bewohner zu essen. I. füttert meinen Vater. Er hat einen guten Hunger und isst fast alles auf. Nach einer halben Stunde Füttern erscheint eine Pflegerin. Wir begegnen also zum ersten Mal einer examinierten Pflegekraft, die etwas für meinen Vater tut, und zwar bemängelt sie, dass mein Vater so sehr schief in seinem Rolli sitze; er brauche ein Kissen, damit er senkrecht sitzen könne. Das Problem hatte I. auch schon gesehen und es mit der netten Helferin vor dem Essen besprochen, doch die wusste leider keinen Rat. Nun aber läuft I. los und sucht ein Kissen. Als sie mit einem Kissen zurückkehrt, ist die Pflegerin wieder verschwunden.
Zwischendurch sucht I. die Pflegerin im Pflegerinnenzimmer auf, denn sie hat ein paar Fragen von mir dabei. Die Pflegerin ist sehr beschäftigt, fragt daher, ob sie weiter Tabletten zurechtlegen dürfe, während sie parallel I.s Fragen beantworte.
I. wird meinen Vater heute noch einmal besuchen, ihren Bericht davon werde ich später als 2. Teil eintragen.
Altenheim - 25. Jan, 17:09
Als M. eintrifft, sitzen die Bewohner in der Wohnküche und beenden gerade das Abendbrot. Sie sind allein, kein Zivi oder gar Pfleger ist anwesend. Nach vielleicht fünf Minuten trifft eine Pflegehelferin ein. M. und mein Vater begeben sich dann für die weitere Besuchszeit auf das Zimmer meines Vaters. Als M. das Heim verlässt, fällt ihr im Wohnbereich kein Personal auf.
Altenheim - 24. Jan, 21:48
Am Dienstag lernten wir beim Rollispaziergang eine Dame kennen, die ehrenamtliche im Heim arbeitet. Sie warnte uns, das
Norovirus habe drei Wohnbereiche erfasst. Die vergangene Nacht durfte ich dann mit dem Norovirus verbringen - grauenhaft! Zum Glück sind heute M. & F. zu meinem Vater gefahren, so dass er nicht auf einen Besuch verzichten muss.
Als M. & F. eintreffen, sitzen alle in der Wohnküche und haben das Abendbrot beendet. Ein Zivi ist anwesend und deckt die Tische ab. Nach einiger Zeit gehen sie mit meinem Vater in sein Zimmer. Während sie dort sitzen, öffnet plötzlich ein Mitarbeiter die Tür. Er entschuldigt sich und verschwindet sofort wieder. Als sie meinen Vater verlassen, ist im Wohnbereich kein Mitarbeiter zu sehen.
Altenheim - 23. Jan, 23:38
Ich treffe gegen 12:45 Uhr in der Küche ein. Drei Frauen in Schwesternkleidung (Examinierte oder Schülerinnnen - ich weiß es nicht) und eine junge Frau, die sich als Präsenzkraft vorstellt (das hat wohl was mit Hauswirtschaft zu tun), stehen im lockeren Gespräch beisammen. Mein Vater und andere Bewohner sitzen an den Tischen und dämmern. Ich sitze noch nicht richtig bei meinem Vater, da verschwinden alle Mitarbeiterinnen außer der netten Präsenzkraft. Ich bitte sie um Hilfe, meinem Vater den Mantel anzuziehen (damit wir nach draußen können), doch sie sorgt sich, dass sie das nicht könne, denn sie sei ja keine Pflegerin. Ich erkläre ihr, was sie tun soll, dann geht alles ganz einfach.
Das Büro des Sozialarbeiters ist überraschenderweise geöffnet, er sitzt am PC. Ich frage ihn, ob schon ein Arzt meinen Vater gesehen habe. Er weiß es nicht, kümmert sich aber sofort darum, das in Erfahrung zu bringen.
Als mein Vater und ich vom Rolli-Spaziergang zurückkehren sitzen drei Bewohnerinnen allein in der Küche. An jedem unbesetzten Platz steht ein Glas voll mit
schrillgelber Flüssigkeit. Nach etwa 20 Minuten erscheint der nette Zivi von gestern und kümmert sich um die Geschirrspülmaschine. Als ich nach insgesamt etwa zwei Stunden wieder gehen muss, kommt der Praktikant von gestern in die Küche und plaudert mit dem Zivi.
Altenheim - 22. Jan, 23:18
Ein Praktikant und ein Zivi kümmern sich um den Wohnbereich. Der Praktikant hat allerdings um 14 Uhr Feierabend, dann ist der Zivi allein. Ein- oder zweimal sehe ich kurz eine Schwesternschülerin über den Flur huschen.
Eine Stunde bin ich mit meinem Vater draußen. Wir benutzen wieder den Rolli von gestern. Die Frau, der der Rolli gehöre, sei immer noch bettlägerig, daher könnten wir den Rolli weiterhin benutzen, erklärt uns der nette Zivi.
Wir rollen durch die frische Winterluft und besuchen den Hausmeister. Er hat zwei Zivis, und alle drei sind nett und guter Laune. Mein Vater war Handwerker, der Aufenthalt in der Hausmeisterwerkstatt gefällt ihm.
Als wir nach einer guten halben Stunde in die Küche zurückkehren, verteilt der Zivi Kaffee und zwei Jaffa Cakes von Aldi. Ich möchte meinem Vater die Hände waschen, aber an seinem Waschbecken sind keine Handtücher. Der Zivi weiß auch nicht, wo es Handtücher gibt, ich nehme mir daher ein paar Blatt Küchenrolle. Als ich mit meinem Vater im Badezimmer zum Händewaschen ankomme, erscheint eine Altenpflegerin, sie stellt sich vor, weil wir uns alle noch nie gesehen haben. Der Zivi hatte ihr gesagt, dass wir Handtücher benötigen. Sie gibt uns welche und verschwindet für immer.
Altenheim - 21. Jan, 23:02
Ich treffe zum Kaffee ein. Wieder sind alle in der Küche versammelt. Der nette Junge Mann, der hier sein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) absolviert, bemüht sich redlich um volle Tassen und ausreichend Streuselkuchen für alle.
Dann möchte ich meinen Vater aus der chronischen Reizlosigkeit hinaus in die frische Sonnenluft entführen. Dazu benötige ich einen Rolli, doch leider gibt es immer noch keinen für ihn, der Fußstützen hat. Der nette FSJ-Mann sucht und grübelt, schließlich holt er einfach den Privatrolli einer Bewohnerin, die ständig im Bett liege, den Rolli also jetzt wohl nicht benötige.
Altenheim - 20. Jan, 22:50
Gegen 15:45 Uhr treffen wir im Altenheim ein. Eine Sozialarbeiterin setzt meinen Vater in einen Rolli ohne Fußhalter. Damit er sich nicht die Füße einklemmt, zieht sie ihn verkehrt herum zum Wohnbereich.
Zum Abendbrot in der Küche sitzen acht demente Frauen. Keine sagt ein Wort, alle schauen wie ängstliche Vögelchen in die Luft. An einem Extratisch sitzen mein Vater und Herr B., allerdings so weit auseinander, dass sie sich nicht unterhalten können.
Eine Altenpflegehelferin verteilt Käsebrote; eine Altenpflegeschülerin ist manchmal für einige Minuten im Raum, aber meist verschwunden. Keine Ahnung, wohin und warum. Dann verschwindet auch die Altenpflegehelferin, und ich bin zum ersten Mal im Leben allein mit zehn dementen Menschen. Da gibts viel für mich zu tun, vielleicht insgesamt eine Stunde lang bin ich nun unentgeltlicher Mitarbeiter des Altenheims.
Altenheim - 19. Jan, 22:25